Über die Schwierigkeit, einfach zu leben- 7/55Thoughts
Immer wieder nehme ich wahr, wie gerne wir Menschen über Probleme reden. Über die Sehnsucht nach einem leichteren Leben, nach mehr Verständnis, nach weniger Leistungsdruck und weniger Anspruchshaltung.
Und gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie schwer es doch oft ist, die Brücke zu schlagen, um das eigene Leben tatsächlich einfacher zu gestalten.
Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass es mit viel Aufwand verbunden sein muss, mehr Einfachheit in das eigene Leben zu bringen – sondern daran, dass wir verlernt haben, die Essenz einer Sache zu erkennen, um sie so bewusst in unser Leben integrieren zu können.
Stattdessen bauen wir gedankliche Konstrukte um die Dinge herum. Wir erzählen uns Geschichten, erschaffen mit dem Verstand Bedeutungen und verstricken uns in Annahmen. Und plötzlich wird unser Leben immer komplexer, vielschichtiger und mitunter schwerer – obwohl es im Kern oft schlicht ist.
Das zeigt sich besonders in unseren Beziehungen.
Wir halten an Freundschaften oder Partnerschaften fest, die uns auf irgendeiner Ebene nicht guttun, und doch fragen wir uns zu selten ehrlich:
Was ist der wahre Kern dieser Begegnung für mich?
Geht es um Liebe? Um Sehnsucht? Um Gebrauchtwerden? Um Gewohnheit?
Oder um Angst vor dem Alleinsein?
Wenn wir diese Fragen nicht stellen, bleiben wir an der Oberfläche. Wir reagieren, verwickeln uns, funktionieren – aber wir spüren nicht wirklich, was uns verbindet oder trennt.
Und genau hier würde Einfachheit beginnen: im ehrlichen Wahrnehmen dessen, was ist.
Dasselbe gilt für unser berufliches Eingebundensein und unser Zuhause. Wäre es nicht viel entspannter, öfter nach dem Sinn dessen zu fragen, was wir tun, besitzen oder anstreben? Denn in diesen Fragen liegt die Kraft zu erkennen, wo wir unser Leben nicht mehr stimmig führen. Diese Ehrlichkeit bringt uns wieder näher an die Essenz – an unsere eigene Essenz.
Unsere gesellschaftlichen Systeme machen es uns nicht leichter, denn auch sie setzen Komplexität als Normalzustand voraus. Wir haben gelernt, dass Dinge kompliziert, mehrschichtig und anstrengend sind – und dass das eben so ist. Wir haben gelernt, nicht „rumzuhängen“, sondern unsere Tage zu füllen: oft überladen, mit wenigen Pausen, mit wenig Raum für Spaß und Entspannung – zumindest steht dies hier in Deutschland noch immer auf der Top-10-Liste. Und so navigieren wir Tag für Tag durch unser Leben – auch dann noch, wenn wir innerlich längst spüren, dass es einfacher gehen könnte und sogar notwendig wäre.
Eines ist Fakt: Wir verändern uns. Alles unterliegt der Veränderung.
Manchmal geschieht diese Veränderung so leise, dass wir sie in der Komplexität um uns herum kaum bemerken. Dann schaffen wir es nicht, unser äußeres Leben dieser Veränderung anzupassen. Als Folge entsteht eine innere Spannung, die uns Energie und Kraft kostet. Irgendwann merken wir vielleicht, dass wir langsamer werden, weil unser System nicht mehr mitkommt. Langsamkeit ist dann oft kein bewusster Entschluss mehr, sondern eine Notbremse – ein Versuch, das Leben wieder einfacher zu gestalten, die Essenz der Dinge zu spüren und das Lebendige zu schätzen.
Einfachheit ist für mich ein Gefühl, in mir zu Hause zu sein. In mir zu ruhen. Aber Einfachheit sieht für jeden anders aus. Sie ist kein Konzept. Sie ist individuell.
Ich glaube, ein einfaches Leben ist eines, das für den Menschen, der es führt, überschaubar ist.
Ein Leben, dem man innerlich gerecht werden kann – auch in turbulenten und herausfordernden Zeiten. Denn dieses Gefühl, sich selbst und dem, was ist, gerecht zu werden, schenkt (zumindest mir) Sinn und erzeugt Entspannung, Freude, Liebe und Verbundenheit.
Einfachheit beginnt damit, ehrlicher hinzuschauen – um dann zu sehen und zu spüren, wo ich etwas weglassen darf.
Einfachheit ist ein Zustand.
Und jeder Schritt, der mich näher an das bringt, was für mich wesentlich ist, bedeutet, dass mein Leben einfacher wird – eben essenzieller.









