von Sabine Kraus
•
25. Januar 2026
Heute steht in meinem Kalender: Kolumne schreiben & posten. Da ich heute Morgen innerlich kein Thema greifen konnte, wurde der Termin in meinem Kalender selbst zum Thema. Damit verbunden die Frage: Wie gehe ich eigentlich mit gesetzten Terminen, mit Deadlines und dem Gefühl, funktionieren zu müssen, um? Wir alle kennen diese Situation. Wir haben Pläne, selbstgesetzte sowie von außen gesetzte Fristen. Und oft wissen wir: Diese Deadline jetzt gerade, die im Deutschen auch Galgenfrist oder Stichtag genannt wird, passt so gar nicht zu dem Rhythmus, den ich gerade brauche, damit es mir gut geht. Es ist interessant, dass wir im Deutschen das Wort Deadline so selbstverständlich benutzen, obwohl es im Grunde „Todeslinie“ heißt. Auch Galgenfrist oder Stichtag sind nicht weniger dramatisch, und implizieren sprachlich die Nähe zum Tod. Vielleicht unterschätzen wir manchmal, welche innere Wirkung solche Begriffe auf uns haben. Allein sprachlich ist ein solcher Termin eine kleine – wenn auch unbewusste – Konfrontation mit dem Gefühl, dass unser Leben in Gefahr ist, wenn wir ihn nicht einhalten. Und so beugen wir uns diesem Druck. Manchmal freiwillig, manchmal notgedrungen. Manchmal sinnvoll – an anderen Stellen eher ohne Sinn. Manchmal schieben wir Dinge dann so lange auf, bis sie unumgänglich werden. Das hat Vor- und Nachteile. Druck kann Kreativität erzeugen, doch vor allem führt er zu Stress. Stress ist ambivalent. Ein selbstgesetzter Zeitrahmen kann helfen, den eigenen Perfektionismus zu zähmen. Wenn wir wissen, dass wir nicht unendlich Zeit haben, erlauben wir uns vielleicht, 80 Prozent als ausreichend zu akzeptieren – das kann entlasten. Andererseits wirkt eine von außen gesetzte Frist mit einem Inhalt, der uns innerlich nicht anspricht, oft ganz anders. Dann wird Stress zur Belastung, erzeugt Unruhe im Körper, Widerstand, manchmal sogar inneren Rückzug. Wie also gehen wir persönlich mit Druck und diesen sogenannten Galgenfristen, Stichtagen und Deadlines um? Wie schaffen wir es, gesetzte Termine unserem eigenen Rhythmus anzupassen – unserer Energie, unserer Tagesform, unserem Nervensystem? Viele würden antworten: "Bei mir geht das nicht! Nicht in meinem Beruf, nicht in meiner privaten Situation!" oder "Als Freiberuflerin oder Künstlerin kannst du dir das vielleicht erlauben – ich aber nicht!" Und ja – diese Freiheit zu haben erlebe ich als Geschenk. Aber sie ist auch eine Aufgabe. Für mich bedeutet sie, viel innere Kraft aufzubringen, um mich immer wieder im eigenen Rhythmus auch zu strukturieren. Wir wachsen in einer Welt auf, die von sogenannten Deadlines durchzogen ist: vom Aufstehen mit dem Wecker bis zum Schlafengehen, um am nächsten Tag wieder „funktionieren und abliefern“ zu können. Von klein auf lernen wir: Zeit ist etwas, das uns antreibt und zu Ergebnissen führt. Die Freiheit, uns selbst entsprechend unseres eigenen oder einem der Natur entsprechenden Rhythmus zu gestalten, haben wir nie richtig gelernt. Sie wurde uns oft verwehrt – dementsprechend erfordert es Bewusstsein, Energie und Willenskraft, sich selbst zu organisieren – für jeden von uns.