Frequenzen in Materie bringen - 11/55Thoughts -

Sabine Kraus • 4. März 2026

Zwischentöne im Raum mit Nadel und Faden greifbar machen


Im vergangenen Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie ich in der Malerei oft Schichten übereinanderlege, Bestehendes übermale, um dann zu entscheiden, was ich vom Vergangenen wieder hervorhole oder im Bild behalten möchte.


Dieser Prozess des Übermalens, Loslassens, Schichtens und Bewahrens führt mich heute – wie ich es im Essay davor angekündigt hatte – in ein neues, altes Thema: das textile Arbeiten.


Das Nähen begleitet mich im Privaten schon seit meiner Kindheit, später kam meine Liebe zum Quilten hinzu. Doch seit Längerem merke ich, dass es an der Zeit ist, mein Lieblingsmedium Stoff und Wolle in mein künstlerisches Portfolio aufzunehmen.


Somit habe ich gestern, pünktlich zum Blutmond am 03.03.26, mit einer ersten kleinen Stickarbeit begonnen. Nicht weil ein pompöses Werk entstehen sollte, sondern weil ich bewusst in einen meditativen Prozess eintauchen wollte, so wie ich es oft zu Voll- und Neumond tue.


Im Gegensatz zur Malerei erlebe ich das textile Arbeiten als eine sehr stille, eher andächtige Arbeit. Es erfordert eine ganz andere Form von Geduld als das Arbeiten mit Farbe, Pinsel und Spachtel – eine Ruhe, die ich gestern als unglaublich angenehm empfunden habe.

Ich setze zwar sehr bewusst Stich für Stich und beobachte die Spur, die durch den Faden entsteht – und doch ist es ein intuitives, spontanes Entstehenlassen. Und so entstanden gestern neben dem Blutmond wie von selbst Wellen und viele kleine goldene Einzelpunkte. Die Wellen haben mich gestern an meine emotionalen Ups and Downs erinnert und daran, wie sehr mich doch das zyklische Leben der Natur persönlich beeinflusst. Wie eng ich mit diesen Elementen und Rhythmen verbunden bin, sie aber oftmals auch ignoriere. Die kleinen goldenen Spuren sind für mich ein Sinnbild für die kosmischen Einschläge, die Impulse und Ideen, die uns allen in Fülle tagtäglich zufliegen.


Im Grunde bildet dieses kleine Bild einen Gegenpol zu dem, wie sich die Welt da draußen in den letzten Tagen zeigt – hier ist nichts schnell, egozentrisch, kriegerisch, glänzend, kalt oder rücksichtslos. Diese Arbeit mit Nadel, Faden, Wolle oder Filz hat für mich etwas Warmes, Heimeliges und Beruhigendes. Sie erleichtert mir, bei mir selbst anzukommen und dem Getöse da draußen seine Macht zu entziehen – was Balsam für die Seele bedeutet.


Und so ist diese kleine Arbeit der Beginn von etwas Neuem oder vielmehr das wiederentdeckte Herantasten an etwas, das mir schon lange im Kopf herumschwirrt und meine Seele glücklich macht.


Das Künstlerische in einer Arbeit mit Textilien ist letztendlich - wie bei jeder Ausdrucksform - immer angebunden an den Inhalt, den ein Werk transportiert.


Für mich ist dieser Weg ein Weg, um mehr und mehr in die Einfachheit zu kommen. Es ist der Versuch, die Essenz der Dinge auf eine sinnlichere Art und Weise zu erleben und mehr in das Irdische und Greifbare hineinzugehen.


Bei dieser Essenz handelt es sich für mich um eine Frequenz, die ich im Raum wahrnehme. Es ist meine Art, mich in der Welt zu bewegen: Ich lese und höre das, was jenseits von Worten schwingt. Und so liegt auch mein künstlerischer Fokus auf den Zwischentönen, die in einer Situation, einer Gegebenheit oder auf einer Beziehungsebene auftauchen.


Diese möchte ich durch das Bild in die Materie bringen, wo sie dann auf ihre ganz eigene Weise wirken können.

von Sabine Kraus 25. Februar 2026
Eigentlich wollte ich heute über mein textiles Projekt schreiben, das ich im letzten Essay mit der Suche nach dem perfekten Filz begonnen hatte. Doch als ich heute Morgen im Atelier war und wieder einmal festgestellt habe, wie anstrengend intuitives, abstraktes Malen sein kann, rede ich stattdessen darüber. Beim Malen fielen mir heute diverse Sprüche ein, die ich sowohl im kunsttherapeutischen Bereich als auch im Umgang mit Menschen, die sich nicht so sehr mit künstlerischem Schaffen auseinandersetzen, öfter gehört habe. Äußerungen wie: „Das ist doch keine richtige Kunst“ oder „Das ist doch einfach so entstanden, das kann doch jeder“ – insbesondere dann, wenn es sich um abstrakte Werke handelt. Es gibt mit Sicherheit Kunst, die man sich so aus dem Ärmel schüttelt. Es gibt aber auch jene Werke, die aus einem langen Prozess der Auseinandersetzung entstehen; ein Spiel mit Farbe und Form, bei dem eine Komposition wächst, die den gesamten inneren Weg in sich trägt. Aber zurück zur Anstrengung, die vielleicht bei mir auch manchmal daher rührt, dass ich noch nie jemand war, der täglich malen und im Atelier kreativ sein will. Ich kenne Menschen, für die ist es so selbstverständlich wie das Essen, dass sie sich jeden Tag einer Kunstform verschreiben und darin völlig aufgehen. Ich brauche eher verschiedene kreative Anker am Tag – das kann das Malen sein, aber auch die Musik, das Kochen, das Nähen oder der Garten. Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass ich die Malerei in den letzten Jahren eher als Nebenberuf angesehen habe. Und vielleicht ändert sich das jetzt, wo sie zum Kernberuf geworden ist. Aber davon ein andermal.
von Sabine Kraus 17. Februar 2026
Mein heutiges Essay führt mich zurück in den Januar 2026 und zu dem Thema, mit dem ich gestartet bin: Zuhause ankommen. Das liegt vor allem daran, dass mir aufgefallen ist, wie sehr ich meine letzten Beiträge durch meine Linse als Therapeutin / Coachin geschrieben habe und nicht aus der Sicht der Kunstschaffenden. Womit ich zum Punkt komme, nämlich dem Grund, weshalb ich „Zuhause ankommen“ überhaupt als Jahresthema gewählt habe: Zuhause ankommen ist für mich 2026 gleichgesetzt mit in der Kunst ankommen . Das heißt, dass ich mich stärker mit meinem künstlerischen Ausdruck verbinden und diesen mehr genießen möchte. Ich möchte mich noch mehr in der Welt der Kunst zu Hause fühlen; denn es ist das Malen, das textile Arbeiten und das Schreiben, was mein Herz im Kern glücklich macht und nach mehr Ausdruck verlangt. Ich läute also hiermit den Perspektivwechsel ein und schreibe mit dem Blick der Kunstschaffenden darüber, womit ich mich aktuell künstlerisch auseinandersetze. Das ist derzeit ein größeres textiles Projekt. Für dieses suchte ich einen Untergrund und habe mich daher intensiv mit der Auswahl eines Filzes beschäftigt, da ich gerne auf Filz arbeiten möchte. Das klingt erst mal banal, doch kannst du dir vorstellen, dass man sich über mehrere Tage hinweg damit beschäftigen kann, einen Filz zu finden, der aus 100 % Schurwolle ist, kein Vermögen kostet, aber weich und rein ist und zudem farblich das vermittelt, was einem wichtig ist? Dann soll er gut bestickbar und benähbar sein, er darf nicht zu weich, aber auch nicht zu fest sein … und nicht zuletzt möchte ich, wenn ich den Stoff berühre, lächeln und mich freuen können.
von Sabine Kraus 13. Februar 2026
Diese Woche kommt mein Essay fünf Tage zu spät, obwohl ich mir vorgenommen hatte, in 2026 regelmäßig wöchentlich zu veröffentlichen. Und heute beim „Nachschreiben“ stand nicht nur das Aufholen im Raum, sondern damit verbunden auch wieder einmal mein eigener Anspruch – hinsichtlich Zuverlässigkeit und Disziplin. Dennoch – wie so viele andere Menschen derzeit – hatte mich eine Grippe lahmgelegt. Und als hätte ich mich nicht schon unzählige Male damit auseinandergesetzt, so war dennoch wieder ein Teil von mir damit beschäftigt, dass das nicht in den Plan passt, dass ich hier und mit anderen Dingen „in Verzug“ gerate. Früher hätte ich vermutlich dennoch geschrieben. Auch krank. Nicht, weil ich etwas Dringliches zu sagen gehabt hätte – sondern weil ich mich unwohl damit gefühlt hätte, meine selbst gesetzten Regeln nicht einzuhalten – als hinge mein Wert daran. Das ist heute meist nicht mehr der Fall. Stattdessen nutze ich die Zeit bewusst für etwas für mich Sinnvolles: Für Ruhe. Fürs Beten. Für Schlaf. Um meine Gefühle zu sortieren – auch dafür, möglichst nicht zu denken. Und doch kam mir diese Woche in der Stille öfter der Gedanke, wie oft wir Menschen uns doch selbst unter Druck setzen, um Regeln und Ziele mit Vehemenz durchzusetzen.
von Sabine Kraus 1. Februar 2026
Immer wieder nehme ich wahr, wie gerne wir Menschen über Probleme reden. Über die Sehnsucht nach einem leichteren Leben, nach mehr Verständnis, nach weniger Leistungsdruck und weniger Anspruchshaltung.  Und gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie schwer es doch oft ist, die Brücke zu schlagen, um das eigene Leben tatsächlich einfacher zu gestalten. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass es mit viel Aufwand verbunden sein muss, mehr Einfachheit in das eigene Leben zu bringen – sondern daran, dass wir verlernt haben, die Essenz einer Sache zu erkennen, um sie so bewusst in unser Leben integrieren zu können. Stattdessen bauen wir gedankliche Konstrukte um die Dinge herum. Wir erzählen uns Geschichten, erschaffen mit dem Verstand Bedeutungen und verstricken uns in Annahmen. Und plötzlich wird unser Leben immer komplexer, vielschichtiger und mitunter schwerer – obwohl es im Kern oft schlicht ist. Das zeigt sich besonders in unseren Beziehungen. Wir halten an Freundschaften oder Partnerschaften fest, die uns auf irgendeiner Ebene nicht guttun, und doch fragen wir uns zu selten ehrlich: Was ist der wahre Kern dieser Begegnung für mich? Geht es um Liebe? Um Sehnsucht? Um Gebrauchtwerden? Um Gewohnheit? Oder um Angst vor dem Alleinsein? Wenn wir diese Fragen nicht stellen, bleiben wir an der Oberfläche. Wir reagieren, verwickeln uns, funktionieren – aber wir spüren nicht wirklich, was uns verbindet oder trennt. Und genau hier würde Einfachheit beginnen: im ehrlichen Wahrnehmen dessen, was ist.
von Sabine Kraus 25. Januar 2026
Heute steht in meinem Kalender: Kolumne schreiben & posten. Da ich heute Morgen innerlich kein Thema greifen konnte, wurde der Termin in meinem Kalender selbst zum Thema. Damit verbunden die Frage: Wie gehe ich eigentlich mit gesetzten Terminen, mit Deadlines und dem Gefühl, funktionieren zu müssen, um? Wir alle kennen diese Situation. Wir haben Pläne, selbstgesetzte sowie von außen gesetzte Fristen. Und oft wissen wir: Diese Deadline jetzt gerade, die im Deutschen auch Galgenfrist oder Stichtag genannt wird, passt so gar nicht zu dem Rhythmus, den ich gerade brauche, damit es mir gut geht. Es ist interessant, dass wir im Deutschen das Wort Deadline so selbstverständlich benutzen, obwohl es im Grunde „Todeslinie“ heißt. Auch Galgenfrist oder Stichtag sind nicht weniger dramatisch, und implizieren sprachlich die Nähe zum Tod. Vielleicht unterschätzen wir manchmal, welche innere Wirkung solche Begriffe auf uns haben. Allein sprachlich ist ein solcher Termin eine kleine – wenn auch unbewusste – Konfrontation mit dem Gefühl, dass unser Leben in Gefahr ist, wenn wir ihn nicht einhalten. Und so beugen wir uns diesem Druck. Manchmal freiwillig, manchmal notgedrungen. Manchmal sinnvoll – an anderen Stellen eher ohne Sinn. Manchmal schieben wir Dinge dann so lange auf, bis sie unumgänglich werden. Das hat Vor- und Nachteile. Druck kann Kreativität erzeugen, doch vor allem führt er zu Stress. Stress ist ambivalent. Ein selbstgesetzter Zeitrahmen kann helfen, den eigenen Perfektionismus zu zähmen. Wenn wir wissen, dass wir nicht unendlich Zeit haben, erlauben wir uns vielleicht, 80 Prozent als ausreichend zu akzeptieren – das kann entlasten. Andererseits wirkt eine von außen gesetzte Frist mit einem Inhalt, der uns innerlich nicht anspricht, oft ganz anders. Dann wird Stress zur Belastung, erzeugt Unruhe im Körper, Widerstand, manchmal sogar inneren Rückzug. Wie also gehen wir persönlich mit Druck und diesen sogenannten Galgenfristen, Stichtagen und Deadlines um? Wie schaffen wir es, gesetzte Termine unserem eigenen Rhythmus anzupassen – unserer Energie, unserer Tagesform, unserem Nervensystem? Viele würden antworten: "Bei mir geht das nicht! Nicht in meinem Beruf, nicht in meiner privaten Situation!" oder "Als Freiberuflerin oder Künstlerin kannst du dir das vielleicht erlauben – ich aber nicht!" Und ja – diese Freiheit zu haben erlebe ich als Geschenk. Aber sie ist auch eine Aufgabe. Für mich bedeutet sie, viel innere Kraft aufzubringen, um mich immer wieder im eigenen Rhythmus auch zu strukturieren. Wir wachsen in einer Welt auf, die von sogenannten Deadlines durchzogen ist: vom Aufstehen mit dem Wecker bis zum Schlafengehen, um am nächsten Tag wieder „funktionieren und abliefern“ zu können. Von klein auf lernen wir: Zeit ist etwas, das uns antreibt und zu Ergebnissen führt. Die Freiheit, uns selbst entsprechend unseres eigenen oder einem der Natur entsprechenden Rhythmus zu gestalten, haben wir nie richtig gelernt. Sie wurde uns oft verwehrt – dementsprechend erfordert es Bewusstsein, Energie und Willenskraft, sich selbst zu organisieren – für jeden von uns.
von Sabine Kraus 18. Januar 2026
Entscheidungen, Geduld und der Mut, das eigene Leben bewusst zu gestalten Neuanfang und der erste Neumond 2026 Für mich hat das Jahr irgendwie nicht mit Silvester begonnen. Vielmehr trägt der heutige Neumond die Energie des Neustarts in sich. Vielleicht liegt es daran, dass er im Zeichen des Steinbocks steht – einem Zeichen, das Verantwortung, Geduld und langfristige Ziele in den Vordergrund rückt. All das, was die Neujahrsvorsätze vieler Menschen ausmacht – und sei es nur, um sie kurze Zeit später wieder zu relativieren oder sogar ganz zu verwerfen. Für mich geht es zu diesem Neumond jedoch nicht um gängige Vorsätze wie bessere Ernährung oder mehr Sport. Vielmehr möchte ich diesen Neumond als Erinnerungsanker setzen, um 2026 noch bewusster auf meine innere Stimme und meinen Körper zu hören und beruflich wie privat meinen eigenen Lebensrhythmus zu leben. Was mich in den letzten Tagen besonders beschäftigt hat, sind Alltagsstruktur und Entscheidungen: Entscheidungen treffen, bei ihnen bleiben, Prioritäten setzen. Nicht unbedingt, um produktiver zu sein, sondern um mehr Raum für das zu haben, was mich glücklich und zufrieden macht. In meiner Erinnerung war all das früher leichter. Ich habe Entscheidungen schneller getroffen und bin einfach losgezogen. Heute ist es anders. Vielleicht liegt es am Älterwerden, vielleicht daran, dass es mit Kindern lange Zeit nicht ganz so einfach war, einfach zu tun, was man will. Und ja, es hat sich ein leises Stimmchen dazugesellt, das sagt: Entscheidungen wollen sorgfältiger getroffen werden – auch mit dem Ziel, schmerzhafte Erfahrungen zu minimieren. Auch das frühere Gefühl von „Ich habe ewig Zeit“ hat sich in ein stilles Bewusstsein von Sterblichkeit verwandelt. Nicht als Gedanke an ein baldiges Sterben, sondern als ein zunehmend präsentes Gefühl: Mein Dasein hier auf der Erde ist endlich – und gerade deshalb kostbar.
von Sabine Kraus 10. Januar 2026
Zwischen Gipfel und Plateau - Meinen Rhythmus finden Gestern war einer dieser Tage, an denen ich mir Zeit nehmen musste, um meine Vorhaben zu ordnen. Keine Ahnung warum, aber ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, bei der ein Autopilot anspringt, sobald eine Entscheidung gefallen ist. Ich bin eher die Fraktion „jeden Tag neu entscheiden und neu eintunen“. Insofern stand mal wieder die Frage im Raum, wie ich meinen eigenen Arbeitsrhythmus finden kann – ohne viel äußere Struktur und ohne ‚muss‘ ist das nicht immer leicht. Mit Rhythmus meine ich nicht Ich hätte gern mehr Zeit oder Ich müsste disziplinierter sein , sondern: Wie viel schaffe ich eigentlich ganz ehrlich an einem Tag – real, nicht in meiner Vorstellung? Und während ich dann so ganz im Stillen mit ehrlichem Blick meinen Kalender durchblättere, wurde mir klar, dass mein Vorhaben, mit dem ich beschäftigt bin, so nicht umsetzbar ist. Das, was ich mir innerlich vorgestellt hatte – diese Version von „In drei Wochen habe ich das locker erledigt“ – hatte mit der Realität meines Lebens wenig zu tun. Denn im Grunde sind zwei Wochen bereits voll – mit Terminen, Verpflichtungen und Dingen, für die ich – wenn ich ehrlich bin – anschliesend Erholung einplanen muss. Mir fällt dazu das Bild eines Berges ein, den man besteigen will. In Gedanken geht man den Weg Schritt für Schritt: hier hoch, dort entlang, noch ein Stück – und dann ist man am Ziel und genießt den heroischen Ausblick.
3. Januar 2026
Innerer Kompass – fernab der Logik Heute Morgen war ich mit meinem Hund Coco im Wald unterwegs. Da seit gestern alles schneebedeckt ist, war es einer dieser herrlich stillen Spaziergänge. Einer von denen, bei denen man an jeder Stelle stehen bleiben könnte, weil die Natur, vom Schnee bedeckt, so wunderschöne Bilder zeichnet. Wir blieben tatsächlich überall stehen – aber nicht wegen der Bilder, sondern wegen der Gerüche. Denn Coco ist ein Weltmeister im Schnüffeln. Ob Baum, Weggabelung oder gelbe Pipispuren im Schnee – er taucht tief ein in seine Welt. Für ihn ist das kein Zeitvertreib. Es ist Orientierung. Das Lesen von Vergangenem, das Bewerten der Gegenwart und das Einschätzen der Zukunft. Wer war hier vor mir? Welche Spuren hat jemand hinterlassen? Gehe ich hier lang oder dort? Ist es dort gefährlich oder ist es hier sicher? Gleichzeitig wirkt – meinem Wissensstand nach – Schnüffeln auf Hunde beruhigend und stressreduzierend. Während Coco also immer und überall schnüffelt, nutze ich die Zeit meist, um die Umgebung zu beobachten – was für mich, genau wie für ihn, im Übrigen ebenfalls beruhigend und stressreduzierend ist. Im Winter jedoch finde ich eines besonders herrlich: diese Stille, die entsteht, wenn Schnee liegt. In solchen Momenten fühle ich mich eins mit Allem und ganz verbunden mit mir selbst – so, als wäre die Kompassnadel meines inneren Kompasses gerade ganz still: kein Zittern, kein Schwanken. Und dann geschah heute etwas sehr Berührendes. An einer Stelle, an der Coco besonders ins Schnüffeln vertieft war und ich selbst einfach nur versunken ins Dickicht schaute, schaute mich ein Fuchs an. Nur für eine winzige Sekunde. Dann düste er ins Dickicht und war schneller weg, als er da gewesen war.
von Sabine Kraus 28. Dezember 2025
Schönheit und Geborgenheit – kein Luxus, sondern Notwendigkeit Das Thema Zuhause ist über die Weihnachtstage für viele Menschen besonders präsent. Vielleicht, weil es zu Hause hektisch zugeht und kaum Raum für Besinnlichkeit bleibt. Vielleicht, weil Einsamkeit, Langeweile oder Sinnfragen in Bezug auf das eigene Leben berührt werden. Dieses Jahr war Weihnachten für mich sehr ruhig. Ich war so gar nicht in Weihnachtsstimmung, und daher gab es kaum Schmuck und Pomp – tatsächlich war der einzige Schmuck des Tannenbaums eine Lichterkette. Und doch – vielleicht gerade deswegen – finde ich ihn so schön, dass er mich in seinen Bann zieht. Ich mag Tannen und so habe ich die letzten Tage viele Stunden da gesessen, mich am Funkeln der Lichter erfreut, die Aststruktur angeschaut und die Würde – und auch Freude –, die der Baum für mich ausstrahlt, genossen – ebenso die Stille, die im Raum laut zu hören war. Und ich habe intensiv wahrnehmen können, wie stark ein einzelner Baum die Stimmung im Raum verändern kann. Unser Alltag ist oft so strukturiert, dass unser Nervensystem überfrachtet und überfordert wird. Viel zu selten halten wir uns in Räumen auf, in denen wir wirklich regenerieren können. Räume, in denen wir das Gefühl haben, nur sein ist bedingungslos erlaubt. Selbst wenn wir wissen, wo wir solche Räume für uns finden, nutzen wir sie oft zu wenig – vielleicht, weil Ruhe, Schönheit und Geborgenheit für viele von uns fast wie Luxusgüter erscheinen. Das ist nachvollziehbar. Wir sind gesellschaftlich weltweit übermäßig mit Konflikten, Kriegen, Schmerz und Trennung konfrontiert… …und manchmal reicht allein das Denken daran, um zu spüren, wie sehr unser Nervensystem davon berührt und gefordert wird. Doch gerade deshalb ist es so wichtig, Räume zu schaffen, die uns nähren. Orte, die wir schön finden und an denen wir bewusst Atem holen können. Dabei geht es nicht um Perfektion, teures Design oder den "Schöner Wohnen" Effekt. Es geht um Präsenz, Wohlgefühl und die kleinen Dinge: Licht, Farben, Musik, Bücher, Duft, Wärme. Zuhause ankommen heißt für mich, bei mir selbst und in meinem Umfeld ankommen - selbst wenn es nur ein einzelner Raum ist, in dem ich mich wohlfühle. Ein Raum, in dem ich mich ausdrücken kann, wie es für mich gerade stimmt.
von Sabine Kraus 23. Dezember 2025
Zwischen Wind und Wurzeln zu Hause ankommen In den letzten Tagen habe ich mich viel damit beschäftigt, wie ich mich beruflich für 2026 aufstellen möchte. Und damit verbunden, wie und ob ich meinen persönlichen Lebensstil neu ordnen will. Dabei waren für mich im Jahr 2025 zwei Themen besonders präsent: Veränderung und Loslassen. Und da wir noch 2025 haben und die Rauhnächte morgen beginnen, ist dieser Zeitpunkt – für alle, die es mögen – geradezu perfekt, um sich noch einmal mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Was von dem, was mich bisher genährt hat, darf ich loslassen, weil es das nicht mehr tut? Was von dem, was in meinen Vorstellungen, Sehnsüchten und Visionen immer wieder auftaucht, will ich wahrhaftig leben? Und was darf viellicht einfach ein sehnsüchtiger Gedanke bleiben, ohne eine konkrete Lebensveränderung werden zu müssen? Das Thema, das ich für 2026 gewählt habe – für meine Kunst und für meine neu startende wöchentliche Kolumne – heißt Zuhause ankommen . Das Thema wird mich nicht nur in der Kolumne begleiten, sondern auch in Bildern, in anderen kreativen Prozessen und wahrscheinlich auch in einem Buchprojekt. Da ich – wie alle anderen auch – ständig Veränderungen ausgesetzt bin und meine Routinen und Pläne öfter durcheinander geraten, als mir lieb ist, interessieren mich dabei vor allem die Fragen: Wie kann ich wie ein Baum im Wind stehen – verwurzelt, beweglich, stark in mir verankert – und dabei meine Vorhaben umsetzen? Und mit welchem Baum fühle ich mich viellicht innerlich verbunden? Resilienz spielt hier eine große Rolle – für mich persönlich sind das vor allem Ressourcen wie: mich wohlzufühlen, meine Werte zu kennen, mich sicher zu fühlen, meiner Intuition zu folgen und meine Emotionalität sowie Sinnlichkeit zu leben – in mir, in meinem Körper, in meinen Beziehungen, in meinem Zuhause und in meinem Umfeld. Und auch in meinem spirituellen Angebundensein.