Was bleibt, wenn man die Vergangenheit übermalt? - 10/55Thoughts
Eigentlich wollte ich heute über mein textiles Projekt schreiben, das ich im letzten Essay mit der Suche nach dem perfekten Filz begonnen hatte. Doch als ich heute Morgen im Atelier war und wieder einmal festgestellt habe, wie anstrengend intuitives, abstraktes Malen sein kann, rede ich stattdessen darüber.
Beim Malen fielen mir heute diverse Sprüche ein, die ich sowohl im kunsttherapeutischen Bereich als auch im Umgang mit Menschen, die sich nicht so sehr mit künstlerischem Schaffen auseinandersetzen, öfter gehört habe. Äußerungen wie: „Das ist doch keine richtige Kunst“ oder „Das ist doch einfach so entstanden, das kann doch jeder“ – insbesondere dann, wenn es sich um abstrakte Werke handelt.
Es gibt mit Sicherheit Kunst, die man sich so aus dem Ärmel schüttelt. Es gibt aber auch jene Werke, die aus einem langen Prozess der Auseinandersetzung entstehen; ein Spiel mit Farbe und Form, bei dem eine Komposition wächst, die den gesamten inneren Weg in sich trägt.
Aber zurück zur Anstrengung, die vielleicht bei mir auch manchmal daher rührt, dass ich noch nie jemand war, der täglich malen und im Atelier kreativ sein will. Ich kenne Menschen, für die ist es so selbstverständlich wie das Essen, dass sie sich jeden Tag einer Kunstform verschreiben und darin völlig aufgehen. Ich brauche eher verschiedene kreative Anker am Tag – das kann das Malen sein, aber auch die Musik, das Kochen, das Nähen oder der Garten.
Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass ich die Malerei in den letzten Jahren eher als Nebenberuf angesehen habe. Und vielleicht ändert sich das jetzt, wo sie zum Kernberuf geworden ist. Aber davon ein andermal.
Zurück zum Thema, dass Malen anstrengend sein kann.
Heute zum Beispiel habe ich ein Bild übermalt. Ich habe bewusst den Spachtel zur Hand genommen, um das bereits Entstandene hinter einer weißen, strukturierten Farbschicht verschwinden zu lassen und im Anschluss Teile dieses Bildes in einem neuen Kontext wieder sichtbar zu machen. Für mich persönlich war das ein innerer Akt: Er spiegelt mein Sortieren der letzten Tage wider – ein Prozess des Loslassens von Anteilen meiner Vergangenheit, um zu sehen, was davon im Neuen einen Platz finden darf.
Was dabei herauskommt, ist ein abstraktes Werk. Und obwohl es noch nicht fertig ist, kann ich jetzt schon sagen: Es wird für manche Betrachter so aussehen, als wäre es mal eben spontan entstanden. Doch auch wenn der eigentliche Malprozess intuitiv ist, ist das gesamte Werk kein „Ach, ich mal das mal eben“. Es ist ein Vorgang, der viele innere Schichten miteinbezieht.
Manchmal ist es echt anstrengend, um bei einer Einfachheit anzukommen. Nach einer Stunde intensivem Arbeiten hatte ich heute zum Beispiel das Gefühl, vier bis sechs Stunden gearbeitet zu haben.
Es gibt Bilder, die mit mehr Leichtigkeit entstehen. Aber einige eben auch nicht – selbst wenn sie am Ende Freude ausstrahlen.
Also sehen wir mal, wie es sich weiterentwickelt. Gehöre ich bald zu denen, die es morgens nicht abwarten können, ins Atelier zu gehen? Auf jeden Fall gehöre ich – nachdem ich Therapie und Coaching zur Seite gelegt habe – zu jenen, die der Kunst Raum in ihrem Leben geben. Dazu gehört derzeit primär die Malerei und das textile Arbeiten, auf das ich in der kommenden Woche zurückkommen werde.
Was immer wir tun:
Das eine ist das Ergebnis und das andere der Prozess.
Das eine ohne das andere ist nicht möglich.
Und ob in der Kunst oder im Leben:
Das, was wir am Ende sehen, trägt oft einen Entwicklungsweg in sich, den wir von außen nur erahnen können.









