Morgenstund hat Gold im Mund

Sabine Kraus • 12. Mai 2025

Ich liebe den frühen Morgen.


Diese stille Zeit, in der noch nichts entschieden ist, der Tag noch unberührt daliegt. Besonders im Sommer, wenn ich die ersten Sonnenstrahlen auf der Terrasse begrüßen kann – dann ist das mein Moment. Mein Raum. Meine Zeit.
Vielleicht bist du eher ein Nachtmensch. Oder du hast das Gefühl, du musst einfach irgendwie in den Tag kommen. Aber vielleicht ist genau dieser Beginn ein Schlüssel – für mehr Klarheit, Ruhe und Kraft. Auch für dich.

Ein Ritual, das nährt – individuell und stimmig


Inzwischen ist der Beginn meines Tages für mich ein heiliger Moment geworden. Ich starte mit Zeit für mich. Bevor irgendetwas im Außen laut wird, höre ich nach innen. Meistens beginne ich mit einfachen ayurvedischen Ritualen: ein Glas warmes Wasser, Ölziehen und einem Glas Aloe-Getränk  Forever Aloe Peaches™ . Manchmal – wenn ich mir wirklich viel Muße gönne – auch eine warme Selbstmassage mit Öl, bevor ich unter die Dusche gehe. Das tut nicht nur meinem Körper gut, sondern stärkt mich in meinem Gefühl von Sanftheit und Weiblichkeit.


Und dann kommt das, was mir am wichtigsten ist: meine Zeit mit Stift, Papier und Kaffee. Schreiben am Morgen ist für mich wie ein Gespräch mit meiner Seele. Ich journal meine Gedanken, spüre hinein, was gerade wichtig ist, bete und richte mich innerlich aus: Worauf möchte ich heute achten? Wie will ich mich fühlen? Was wird diesen Tag für mich zu einem guten Tag machen, sodass ich am Ende des Tages das Gefühl habe, den Tag wirklich gut genutzt zu haben.


Diese Praxis ist für mich kein „Produktivitätstool“ – sondern eine Form der Selbstfürsorge, der Rückverbindung. Denn es war nicht immer so.


Vom Funktionieren zum Spüren


In den letzten Jahren habe ich oft nur funktioniert. Viele Herausforderungen, Kinder, die im klassischen Bildungssystem nicht zurechtkamen, neurodiverse Bedürfnisse, das Gefühl, allein auf weiter Flur zu stehen. Viel Verantwortung, viel Organisation. Und mein altes Muster: Kontrolle behalten – um jeden Preis.
Dann gab es immer öfter Abende, an denen ich dachte: „Mist, ich habe meine Lebenszeit heute vergeudet.“ Und mir wurde klar: So geht es nicht weiter!

Ich begann, meine Morgenrituale noch bewusster auf das Gefühl eines erfüllten Lebens auszurichten. Das heißt nicht, dass mir keine Herausforderungen mehr begegnen. Aber dieses morgendliche Ritual trägt mich einfach besser durch den Tag. Es nährt mich – nicht nur für den Moment, sondern über den ganzen Tag hinweg. Es gibt mir die Möglichkeit, präsenter zu sein und leichter zu wissen, worauf ich reagieren will und worauf nicht.
Mich zu fragen, was ich heute wirklich erleben will – statt nur abzuarbeiten, was „ansteht“ – IST Gold wert.


Morgenstund hat Gold im Mund?


Ja. Aber nicht, weil ich besonders früh aufstehe, um besonders produktiv zu sein. Sondern weil der Morgen die Chance in sich trägt, mir selbst zuzuhören, bevor die Welt da draußen laut wird. Und weil in der bewussten Ausrichtung oft schon alles steckt, was ich für einen guten Tag brauche.


Und du?


Vielleicht brauchst du morgens kein Ölziehen, keinen Kaffee, kein Beten und keine Journalseiten. Vielleicht ist es ein Spaziergang, Yoga, eine gute Bodylotion, eine warme Hühnersuppe oder Musik.


Aber vielleicht magst du dich am Morgen einfach mal fragen:

  • Wie möchte ich in den Tag starten – wirklich?
  • Was würde es verändern, wenn der Morgen mir gehört – nicht dem Handy oder der To-do-Liste?
  • Was brauche ich, um mich zu spüren, bevor ich der Welt begegne?


Denn ja, Morgenstund hat Gold im Mund – wenn du sie für dich nutzt.


Herzliche Grüße, Sabine


von Sabine Kraus 4. März 2026
Zwischentöne im Raum mit Nadel und Faden greifbar machen Im vergangenen Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie ich in der Malerei oft Schichten übereinanderlege, Bestehendes übermale, um dann zu entscheiden, was ich vom Vergangenen wieder hervorhole oder im Bild behalten möchte. Dieser Prozess des Übermalens, Loslassens, Schichtens und Bewahrens führt mich heute – wie ich es im Essay davor angekündigt hatte – in ein neues, altes Thema: das textile Arbeiten. Das Nähen begleitet mich im Privaten schon seit meiner Kindheit, später kam meine Liebe zum Quilten hinzu. Doch seit Längerem merke ich, dass es an der Zeit ist, mein Lieblingsmedium Stoff und Wolle in mein künstlerisches Portfolio aufzunehmen. Somit habe ich gestern, pünktlich zum Blutmond am 03.03.26, mit einer ersten kleinen Stickarbeit begonnen. Nicht weil ein pompöses Werk entstehen sollte, sondern weil ich bewusst in einen meditativen Prozess eintauchen wollte, so wie ich es oft zu Voll- und Neumond tue. Im Gegensatz zur Malerei erlebe ich das textile Arbeiten als eine sehr stille, eher andächtige Arbeit. Es erfordert eine ganz andere Form von Geduld als das Arbeiten mit Farbe, Pinsel und Spachtel – eine Ruhe, die ich gestern als unglaublich angenehm empfunden habe.
von Sabine Kraus 25. Februar 2026
Eigentlich wollte ich heute über mein textiles Projekt schreiben, das ich im letzten Essay mit der Suche nach dem perfekten Filz begonnen hatte. Doch als ich heute Morgen im Atelier war und wieder einmal festgestellt habe, wie anstrengend intuitives, abstraktes Malen sein kann, rede ich stattdessen darüber. Beim Malen fielen mir heute diverse Sprüche ein, die ich sowohl im kunsttherapeutischen Bereich als auch im Umgang mit Menschen, die sich nicht so sehr mit künstlerischem Schaffen auseinandersetzen, öfter gehört habe. Äußerungen wie: „Das ist doch keine richtige Kunst“ oder „Das ist doch einfach so entstanden, das kann doch jeder“ – insbesondere dann, wenn es sich um abstrakte Werke handelt. Es gibt mit Sicherheit Kunst, die man sich so aus dem Ärmel schüttelt. Es gibt aber auch jene Werke, die aus einem langen Prozess der Auseinandersetzung entstehen; ein Spiel mit Farbe und Form, bei dem eine Komposition wächst, die den gesamten inneren Weg in sich trägt. Aber zurück zur Anstrengung, die vielleicht bei mir auch manchmal daher rührt, dass ich noch nie jemand war, der täglich malen und im Atelier kreativ sein will. Ich kenne Menschen, für die ist es so selbstverständlich wie das Essen, dass sie sich jeden Tag einer Kunstform verschreiben und darin völlig aufgehen. Ich brauche eher verschiedene kreative Anker am Tag – das kann das Malen sein, aber auch die Musik, das Kochen, das Nähen oder der Garten. Vielleicht ist es dem Umstand geschuldet, dass ich die Malerei in den letzten Jahren eher als Nebenberuf angesehen habe. Und vielleicht ändert sich das jetzt, wo sie zum Kernberuf geworden ist. Aber davon ein andermal.
von Sabine Kraus 17. Februar 2026
Mein heutiges Essay führt mich zurück in den Januar 2026 und zu dem Thema, mit dem ich gestartet bin: Zuhause ankommen. Das liegt vor allem daran, dass mir aufgefallen ist, wie sehr ich meine letzten Beiträge durch meine Linse als Therapeutin / Coachin geschrieben habe und nicht aus der Sicht der Kunstschaffenden. Womit ich zum Punkt komme, nämlich dem Grund, weshalb ich „Zuhause ankommen“ überhaupt als Jahresthema gewählt habe: Zuhause ankommen ist für mich 2026 gleichgesetzt mit in der Kunst ankommen . Das heißt, dass ich mich stärker mit meinem künstlerischen Ausdruck verbinden und diesen mehr genießen möchte. Ich möchte mich noch mehr in der Welt der Kunst zu Hause fühlen; denn es ist das Malen, das textile Arbeiten und das Schreiben, was mein Herz im Kern glücklich macht und nach mehr Ausdruck verlangt. Ich läute also hiermit den Perspektivwechsel ein und schreibe mit dem Blick der Kunstschaffenden darüber, womit ich mich aktuell künstlerisch auseinandersetze. Das ist derzeit ein größeres textiles Projekt. Für dieses suchte ich einen Untergrund und habe mich daher intensiv mit der Auswahl eines Filzes beschäftigt, da ich gerne auf Filz arbeiten möchte. Das klingt erst mal banal, doch kannst du dir vorstellen, dass man sich über mehrere Tage hinweg damit beschäftigen kann, einen Filz zu finden, der aus 100 % Schurwolle ist, kein Vermögen kostet, aber weich und rein ist und zudem farblich das vermittelt, was einem wichtig ist? Dann soll er gut bestickbar und benähbar sein, er darf nicht zu weich, aber auch nicht zu fest sein … und nicht zuletzt möchte ich, wenn ich den Stoff berühre, lächeln und mich freuen können.
von Sabine Kraus 13. Februar 2026
Diese Woche kommt mein Essay fünf Tage zu spät, obwohl ich mir vorgenommen hatte, in 2026 regelmäßig wöchentlich zu veröffentlichen. Und heute beim „Nachschreiben“ stand nicht nur das Aufholen im Raum, sondern damit verbunden auch wieder einmal mein eigener Anspruch – hinsichtlich Zuverlässigkeit und Disziplin. Dennoch – wie so viele andere Menschen derzeit – hatte mich eine Grippe lahmgelegt. Und als hätte ich mich nicht schon unzählige Male damit auseinandergesetzt, so war dennoch wieder ein Teil von mir damit beschäftigt, dass das nicht in den Plan passt, dass ich hier und mit anderen Dingen „in Verzug“ gerate. Früher hätte ich vermutlich dennoch geschrieben. Auch krank. Nicht, weil ich etwas Dringliches zu sagen gehabt hätte – sondern weil ich mich unwohl damit gefühlt hätte, meine selbst gesetzten Regeln nicht einzuhalten – als hinge mein Wert daran. Das ist heute meist nicht mehr der Fall. Stattdessen nutze ich die Zeit bewusst für etwas für mich Sinnvolles: Für Ruhe. Fürs Beten. Für Schlaf. Um meine Gefühle zu sortieren – auch dafür, möglichst nicht zu denken. Und doch kam mir diese Woche in der Stille öfter der Gedanke, wie oft wir Menschen uns doch selbst unter Druck setzen, um Regeln und Ziele mit Vehemenz durchzusetzen.
von Sabine Kraus 1. Februar 2026
Immer wieder nehme ich wahr, wie gerne wir Menschen über Probleme reden. Über die Sehnsucht nach einem leichteren Leben, nach mehr Verständnis, nach weniger Leistungsdruck und weniger Anspruchshaltung.  Und gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie schwer es doch oft ist, die Brücke zu schlagen, um das eigene Leben tatsächlich einfacher zu gestalten. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass es mit viel Aufwand verbunden sein muss, mehr Einfachheit in das eigene Leben zu bringen – sondern daran, dass wir verlernt haben, die Essenz einer Sache zu erkennen, um sie so bewusst in unser Leben integrieren zu können. Stattdessen bauen wir gedankliche Konstrukte um die Dinge herum. Wir erzählen uns Geschichten, erschaffen mit dem Verstand Bedeutungen und verstricken uns in Annahmen. Und plötzlich wird unser Leben immer komplexer, vielschichtiger und mitunter schwerer – obwohl es im Kern oft schlicht ist. Das zeigt sich besonders in unseren Beziehungen. Wir halten an Freundschaften oder Partnerschaften fest, die uns auf irgendeiner Ebene nicht guttun, und doch fragen wir uns zu selten ehrlich: Was ist der wahre Kern dieser Begegnung für mich? Geht es um Liebe? Um Sehnsucht? Um Gebrauchtwerden? Um Gewohnheit? Oder um Angst vor dem Alleinsein? Wenn wir diese Fragen nicht stellen, bleiben wir an der Oberfläche. Wir reagieren, verwickeln uns, funktionieren – aber wir spüren nicht wirklich, was uns verbindet oder trennt. Und genau hier würde Einfachheit beginnen: im ehrlichen Wahrnehmen dessen, was ist.
von Sabine Kraus 25. Januar 2026
Heute steht in meinem Kalender: Kolumne schreiben & posten. Da ich heute Morgen innerlich kein Thema greifen konnte, wurde der Termin in meinem Kalender selbst zum Thema. Damit verbunden die Frage: Wie gehe ich eigentlich mit gesetzten Terminen, mit Deadlines und dem Gefühl, funktionieren zu müssen, um? Wir alle kennen diese Situation. Wir haben Pläne, selbstgesetzte sowie von außen gesetzte Fristen. Und oft wissen wir: Diese Deadline jetzt gerade, die im Deutschen auch Galgenfrist oder Stichtag genannt wird, passt so gar nicht zu dem Rhythmus, den ich gerade brauche, damit es mir gut geht. Es ist interessant, dass wir im Deutschen das Wort Deadline so selbstverständlich benutzen, obwohl es im Grunde „Todeslinie“ heißt. Auch Galgenfrist oder Stichtag sind nicht weniger dramatisch, und implizieren sprachlich die Nähe zum Tod. Vielleicht unterschätzen wir manchmal, welche innere Wirkung solche Begriffe auf uns haben. Allein sprachlich ist ein solcher Termin eine kleine – wenn auch unbewusste – Konfrontation mit dem Gefühl, dass unser Leben in Gefahr ist, wenn wir ihn nicht einhalten. Und so beugen wir uns diesem Druck. Manchmal freiwillig, manchmal notgedrungen. Manchmal sinnvoll – an anderen Stellen eher ohne Sinn. Manchmal schieben wir Dinge dann so lange auf, bis sie unumgänglich werden. Das hat Vor- und Nachteile. Druck kann Kreativität erzeugen, doch vor allem führt er zu Stress. Stress ist ambivalent. Ein selbstgesetzter Zeitrahmen kann helfen, den eigenen Perfektionismus zu zähmen. Wenn wir wissen, dass wir nicht unendlich Zeit haben, erlauben wir uns vielleicht, 80 Prozent als ausreichend zu akzeptieren – das kann entlasten. Andererseits wirkt eine von außen gesetzte Frist mit einem Inhalt, der uns innerlich nicht anspricht, oft ganz anders. Dann wird Stress zur Belastung, erzeugt Unruhe im Körper, Widerstand, manchmal sogar inneren Rückzug. Wie also gehen wir persönlich mit Druck und diesen sogenannten Galgenfristen, Stichtagen und Deadlines um? Wie schaffen wir es, gesetzte Termine unserem eigenen Rhythmus anzupassen – unserer Energie, unserer Tagesform, unserem Nervensystem? Viele würden antworten: "Bei mir geht das nicht! Nicht in meinem Beruf, nicht in meiner privaten Situation!" oder "Als Freiberuflerin oder Künstlerin kannst du dir das vielleicht erlauben – ich aber nicht!" Und ja – diese Freiheit zu haben erlebe ich als Geschenk. Aber sie ist auch eine Aufgabe. Für mich bedeutet sie, viel innere Kraft aufzubringen, um mich immer wieder im eigenen Rhythmus auch zu strukturieren. Wir wachsen in einer Welt auf, die von sogenannten Deadlines durchzogen ist: vom Aufstehen mit dem Wecker bis zum Schlafengehen, um am nächsten Tag wieder „funktionieren und abliefern“ zu können. Von klein auf lernen wir: Zeit ist etwas, das uns antreibt und zu Ergebnissen führt. Die Freiheit, uns selbst entsprechend unseres eigenen oder einem der Natur entsprechenden Rhythmus zu gestalten, haben wir nie richtig gelernt. Sie wurde uns oft verwehrt – dementsprechend erfordert es Bewusstsein, Energie und Willenskraft, sich selbst zu organisieren – für jeden von uns.
von Sabine Kraus 18. Januar 2026
Entscheidungen, Geduld und der Mut, das eigene Leben bewusst zu gestalten Neuanfang und der erste Neumond 2026 Für mich hat das Jahr irgendwie nicht mit Silvester begonnen. Vielmehr trägt der heutige Neumond die Energie des Neustarts in sich. Vielleicht liegt es daran, dass er im Zeichen des Steinbocks steht – einem Zeichen, das Verantwortung, Geduld und langfristige Ziele in den Vordergrund rückt. All das, was die Neujahrsvorsätze vieler Menschen ausmacht – und sei es nur, um sie kurze Zeit später wieder zu relativieren oder sogar ganz zu verwerfen. Für mich geht es zu diesem Neumond jedoch nicht um gängige Vorsätze wie bessere Ernährung oder mehr Sport. Vielmehr möchte ich diesen Neumond als Erinnerungsanker setzen, um 2026 noch bewusster auf meine innere Stimme und meinen Körper zu hören und beruflich wie privat meinen eigenen Lebensrhythmus zu leben. Was mich in den letzten Tagen besonders beschäftigt hat, sind Alltagsstruktur und Entscheidungen: Entscheidungen treffen, bei ihnen bleiben, Prioritäten setzen. Nicht unbedingt, um produktiver zu sein, sondern um mehr Raum für das zu haben, was mich glücklich und zufrieden macht. In meiner Erinnerung war all das früher leichter. Ich habe Entscheidungen schneller getroffen und bin einfach losgezogen. Heute ist es anders. Vielleicht liegt es am Älterwerden, vielleicht daran, dass es mit Kindern lange Zeit nicht ganz so einfach war, einfach zu tun, was man will. Und ja, es hat sich ein leises Stimmchen dazugesellt, das sagt: Entscheidungen wollen sorgfältiger getroffen werden – auch mit dem Ziel, schmerzhafte Erfahrungen zu minimieren. Auch das frühere Gefühl von „Ich habe ewig Zeit“ hat sich in ein stilles Bewusstsein von Sterblichkeit verwandelt. Nicht als Gedanke an ein baldiges Sterben, sondern als ein zunehmend präsentes Gefühl: Mein Dasein hier auf der Erde ist endlich – und gerade deshalb kostbar.
von Sabine Kraus 10. Januar 2026
Zwischen Gipfel und Plateau - Meinen Rhythmus finden Gestern war einer dieser Tage, an denen ich mir Zeit nehmen musste, um meine Vorhaben zu ordnen. Keine Ahnung warum, aber ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, bei der ein Autopilot anspringt, sobald eine Entscheidung gefallen ist. Ich bin eher die Fraktion „jeden Tag neu entscheiden und neu eintunen“. Insofern stand mal wieder die Frage im Raum, wie ich meinen eigenen Arbeitsrhythmus finden kann – ohne viel äußere Struktur und ohne ‚muss‘ ist das nicht immer leicht. Mit Rhythmus meine ich nicht Ich hätte gern mehr Zeit oder Ich müsste disziplinierter sein , sondern: Wie viel schaffe ich eigentlich ganz ehrlich an einem Tag – real, nicht in meiner Vorstellung? Und während ich dann so ganz im Stillen mit ehrlichem Blick meinen Kalender durchblättere, wurde mir klar, dass mein Vorhaben, mit dem ich beschäftigt bin, so nicht umsetzbar ist. Das, was ich mir innerlich vorgestellt hatte – diese Version von „In drei Wochen habe ich das locker erledigt“ – hatte mit der Realität meines Lebens wenig zu tun. Denn im Grunde sind zwei Wochen bereits voll – mit Terminen, Verpflichtungen und Dingen, für die ich – wenn ich ehrlich bin – anschliesend Erholung einplanen muss. Mir fällt dazu das Bild eines Berges ein, den man besteigen will. In Gedanken geht man den Weg Schritt für Schritt: hier hoch, dort entlang, noch ein Stück – und dann ist man am Ziel und genießt den heroischen Ausblick.
3. Januar 2026
Innerer Kompass – fernab der Logik Heute Morgen war ich mit meinem Hund Coco im Wald unterwegs. Da seit gestern alles schneebedeckt ist, war es einer dieser herrlich stillen Spaziergänge. Einer von denen, bei denen man an jeder Stelle stehen bleiben könnte, weil die Natur, vom Schnee bedeckt, so wunderschöne Bilder zeichnet. Wir blieben tatsächlich überall stehen – aber nicht wegen der Bilder, sondern wegen der Gerüche. Denn Coco ist ein Weltmeister im Schnüffeln. Ob Baum, Weggabelung oder gelbe Pipispuren im Schnee – er taucht tief ein in seine Welt. Für ihn ist das kein Zeitvertreib. Es ist Orientierung. Das Lesen von Vergangenem, das Bewerten der Gegenwart und das Einschätzen der Zukunft. Wer war hier vor mir? Welche Spuren hat jemand hinterlassen? Gehe ich hier lang oder dort? Ist es dort gefährlich oder ist es hier sicher? Gleichzeitig wirkt – meinem Wissensstand nach – Schnüffeln auf Hunde beruhigend und stressreduzierend. Während Coco also immer und überall schnüffelt, nutze ich die Zeit meist, um die Umgebung zu beobachten – was für mich, genau wie für ihn, im Übrigen ebenfalls beruhigend und stressreduzierend ist. Im Winter jedoch finde ich eines besonders herrlich: diese Stille, die entsteht, wenn Schnee liegt. In solchen Momenten fühle ich mich eins mit Allem und ganz verbunden mit mir selbst – so, als wäre die Kompassnadel meines inneren Kompasses gerade ganz still: kein Zittern, kein Schwanken. Und dann geschah heute etwas sehr Berührendes. An einer Stelle, an der Coco besonders ins Schnüffeln vertieft war und ich selbst einfach nur versunken ins Dickicht schaute, schaute mich ein Fuchs an. Nur für eine winzige Sekunde. Dann düste er ins Dickicht und war schneller weg, als er da gewesen war.
von Sabine Kraus 28. Dezember 2025
Schönheit und Geborgenheit – kein Luxus, sondern Notwendigkeit Das Thema Zuhause ist über die Weihnachtstage für viele Menschen besonders präsent. Vielleicht, weil es zu Hause hektisch zugeht und kaum Raum für Besinnlichkeit bleibt. Vielleicht, weil Einsamkeit, Langeweile oder Sinnfragen in Bezug auf das eigene Leben berührt werden. Dieses Jahr war Weihnachten für mich sehr ruhig. Ich war so gar nicht in Weihnachtsstimmung, und daher gab es kaum Schmuck und Pomp – tatsächlich war der einzige Schmuck des Tannenbaums eine Lichterkette. Und doch – vielleicht gerade deswegen – finde ich ihn so schön, dass er mich in seinen Bann zieht. Ich mag Tannen und so habe ich die letzten Tage viele Stunden da gesessen, mich am Funkeln der Lichter erfreut, die Aststruktur angeschaut und die Würde – und auch Freude –, die der Baum für mich ausstrahlt, genossen – ebenso die Stille, die im Raum laut zu hören war. Und ich habe intensiv wahrnehmen können, wie stark ein einzelner Baum die Stimmung im Raum verändern kann. Unser Alltag ist oft so strukturiert, dass unser Nervensystem überfrachtet und überfordert wird. Viel zu selten halten wir uns in Räumen auf, in denen wir wirklich regenerieren können. Räume, in denen wir das Gefühl haben, nur sein ist bedingungslos erlaubt. Selbst wenn wir wissen, wo wir solche Räume für uns finden, nutzen wir sie oft zu wenig – vielleicht, weil Ruhe, Schönheit und Geborgenheit für viele von uns fast wie Luxusgüter erscheinen. Das ist nachvollziehbar. Wir sind gesellschaftlich weltweit übermäßig mit Konflikten, Kriegen, Schmerz und Trennung konfrontiert… …und manchmal reicht allein das Denken daran, um zu spüren, wie sehr unser Nervensystem davon berührt und gefordert wird. Doch gerade deshalb ist es so wichtig, Räume zu schaffen, die uns nähren. Orte, die wir schön finden und an denen wir bewusst Atem holen können. Dabei geht es nicht um Perfektion, teures Design oder den "Schöner Wohnen" Effekt. Es geht um Präsenz, Wohlgefühl und die kleinen Dinge: Licht, Farben, Musik, Bücher, Duft, Wärme. Zuhause ankommen heißt für mich, bei mir selbst und in meinem Umfeld ankommen - selbst wenn es nur ein einzelner Raum ist, in dem ich mich wohlfühle. Ein Raum, in dem ich mich ausdrücken kann, wie es für mich gerade stimmt.